Ein ErfahrungsberichtVier kurze Auszüge aus dem 2001 für einen Sammelband des DLL entstandenen Essay "Literarisches Schreiben für Theater, Drehbuch, Hörspiel: ein Erfahrungsbericht" Im Herbst 2000, im Leipziger "Haus des Buches", lesen eine Studentin und ein Student des Deutschen Literaturinstituts aus ihren neuesten Texten. Mit Vergnügen, mit Anteilnahme höre ich ihnen zu, übrigens auch dann noch, als sie sich vor dem schweigsamen, diskussionsscheuen Publikum gegenseitig ausfragen. Offenbar haben sie gelernt, über schriftstellerisches Tun, nicht zuletzt über das eigene, professionell zu reflektieren. ... Ein dritter Student spricht mich hinterher an: "Wie geht's?" - "Danke. Und Ihnen?" - "Sehr gut. Das Szenische Schreiben bei Herrn H. macht riesigen Spaß." - "Fein." - "Ja, wissen Sie, jetzt bin ich bei T. H., im vorigen Semester war ich bei J. v. D., und angefangen hab ich bei Ihnen. Paßt alles gut zueinander und baut prima aufeinander auf!" - Doch weil bekanntlich an keiner deutschen Hochschule auch nur ein Dozent den Unterricht irgendeines anderen Dozenten kennt, frage ich weiter: "Inwiefern denn?" - "Aber ja! Jeder hat es vollkommen anders gemacht." ... Also, ich will mich darauf beschränken, in knapper Manier zu erzählen, wie ich "es" am Deutschen Literaturinstitut Leipzig gemacht habe und anderswo noch mache. ... Es geht um das Drama, und das Drama ist nicht nur eine literarische Gattung und zugleich (zumeist!) Voraussetzung von Theater: Das Drama ist in mehrfachem Sinne Segment der Wirklichkeit. Also stelle ich an den Anfang zwei Fragen: Was empfinden, beobachten, erfahren, bedenken Sie als "dramatisch"? - Was empfinden, beobachten, erfahren, bedenken Sie als "theatralisch"? - Die Studentinnen und Studenten schreiben innerhalb von sieben Minuten stichwortartig auf einen Zettel, was ihnen dazu einfällt. ... Die Antworten reichen von der Straßenbahn bis zur Weltgeschichte, von der Beziehungskrise bis zur Währungskrise, vom Schaufenster bis zum Papstbesuch. ... Was das Prinzip Training in der praktischen Arbeit für mich bedeutet, fasse ich in den folgenden vier Punkten zusammen: Erstens: Was der "Trainer", also der Dozent, zu den einzelnen Texten zu sagen hat, muß natürlich, bei aller Freiheit des Diskurses, kompetent und maßstabsetzend sein. Seine Haupt-Verantwortung allerdings liegt in der bestmöglichen Konzipierung, Auswahl, Abfolge der "Trainingseinheiten", also der konkreten Übungen. ... Zweitens: Das Training muß kontinuierlich erfolgen. Es darf nicht überfordern, noch weniger aber darf es unterfordern. Für den Grundkurs "Szenisches Schreiben" ... heißt das: selektive Teilnahme ist unmöglich, denn jede Woche ist etwas zu schreiben, eine ganz bestimmte Übung auszuführen. Das muß zeitlich schaffbar sein, denn Verdrießlichkeit sollte, auch im Kontext der anderen Studienanforderungen, nicht aufkommen können. ... Drittens: Dieser Punkt ist vielleicht der wichtigste. Das Training muß lustbetont sein können, das heißt die Übungen sollten, jede auf ihre, jede auf eine andere Art reizvoll sein. Allein schon (aber nicht nur) deshalb sollten sie methodisch wie inhaltlich auf unterschiedlichen Ebenen angesiedelt sein. Auch sollte der sanfte Druck, der von jedem Training auf die TeilnehmerInnen ausgehen muß, eben ein sanfter Druck bleiben, und niemand sollte zu etwas gezwungen sein, das er partout nicht mag. ... Viertens: Die Übungen sollten so beschaffen sein, daß sie für den Einzelnen in freien, selbstgewählten Varianten wiederholbar sind. Sie sollten ein Angebot darstellen, auf das auch später, über viele Jahre hinweg, jederzeit zurückgegriffen werden kann.
..."Iphigenie lakonisch"Ein typischer Fehler unerfahrener Stückeschreiber - auch begabter - ist der Hang zur Geschwätzigkeit. Man traut den Möglichkeiten szenisch-dramaturgischer Kontextualisierung zu wenig zu, insbesondere dem, was aus der Ausgangssituation, den Figurenbeziehungen, dem Untertext erwächst. So wird viel zu viel verbalisiert. "Iphigenie lakonisch", ein Training zur Bekämpfung dieser Neigung, ist nur ein Modellbeispiel; man könnte auch ganz andere Vorlagen verwenden. Eine Szene aus Goethes "Iphigenie", lautet die Aufgabe, ist bis auf das unentbehrliche Grundgerüst zusammenzustreichen - aber so, daß dabei von der Komplexität der Vorgänge, von den wesentlichen Grundmotiven des Handelns der Figuren nichts verlorengeht. Als gut geeigneter Text dafür hat sich etwa die zweite Szene des ersten Aktes erwiesen, die genügend überschaubar und vielschichtig zugleich ist: Arkas kommt als Bote Thoas' zu Iphigenie, die sich nach ihrer Heimat sehnt. Er drängt sie vergeblich, sich dessen Werben nicht länger zu verweigern. Zum Machterhalt braucht der König einen Thronfolger. Iphigenie fürchtet das typische Frauenschicksal: Vergewaltigung. Doch Arkas' entsprechende Andeutung meint nicht diese, sondern eine andere bedrohliche Absicht Thoas': die Wiedereinführung des barbarischen Brauchs, alle Fremden, die die Insel betreten, als Menschenopfer abzuschlachten. Iphigenie war es, die als Dianapriesterin die Aussetzung des Brauches durchgesetzt hatte. Die Szene endet mit Thoas' Ankunft. Alle diese Motive, so zeigt sich, sind in einem glaubwürdigen Dialog, der Goethes Handlungsgang exakt nachvollzieht, auf einer einzigen Manuskriptseite unterzubringen. Die Übung hat aber noch einen zweiten produktiven Aspekt. Es muß nämlich zugleich darüber gesprochen werden, daß und warum der poetisch-rhetorische Glanz, die Schönheit des Iphigenie-Blankverses von dieser Übung gerade nicht berührt wird. Überflüssige, geschwätzige, ungestische Verbalisierung einerseits, eine bedeutende kunstsprachliche Kodierungs-Konvention andererseits sind zweierlei Schuhe ... Eine Schwierigkeit am Anfang der zweiten Etappe, die dem Schreiben eines ganzen Stückes gewidmet ist, besteht im Übergang von den vielen kleinen Einzelübungen, von der Konzentration auf Mikrostrukturen, zum Konzipieren und Verfassen eines größeren Textes - das Augenmerk ist nun auf die Makrostruktur zu richten. Neben dem .. Schreiben eines Minidramas ist es dafür günstig, einen etwas größeren Monolog zu verfassen. Damit beginnen wir die zweite Etappe. ... Konkret sehen wir uns wieder einmal Bilder an, nur diesmal durchweg Porträts. ...
©2001 Gottfried Fischborn Anmerkung: In gekürzter Form ist der Text dieses Essays in den Beitrag von Dagmar Borrmann und Gottfried Fischborn "Szenisches Schreiben - Ein Erfahrungsbericht" eingegangen, der in dem 2005 bei Suhrkamp erschienenen Sammelband "Wie werde ich ein verdammt guter Schriftsteller? Berichte aus der Werkstatt", hgg. v. Josef Haslinger und Hans-Ulrich Treichel, enthalten ist (S. 90 bis 108). |